Zwölf Minuten schwarz-grüner Wahnsinn

Zwölf Minuten schwarz-grüner Wahnsinn

7. September 2026·Rudolf Tilg·6 Min. Lesezeit

Fußball, du verdammte Droge! 70 Minuten lang schien im Linzer Donaupark alles seinen erwarteten Lauf zu nehmen. Blau-Weiß führte, Wacker taumelte – und wir Wackerianer mussten Schlimmes befürchten. Doch dann kamen zwölf Minuten, die aus Frust Hoffnung, aus Hoffnung Ekstase und aus einem 0:2 ein unglaubliches 3:2 machten. Ein Nachmittag, der wieder einmal zeigte: Du kannst Wacker Innsbruck niederringen, aber abschreiben solltest du Wacker Innsbruck niemals.

Stau, Regen und 100.000 Kilometer

Schon die Anreise war eine Geduldsprobe. Stau, Stau und zur Abwechslung noch einmal Stau. Regentropfen klopften gegen die Autoscheiben und irgendwo zwischen Salzburg und Linz passierte zumindest Historisches: Barbaras Franzosenviehikel knackte die 100.000-Kilometer-Marke. Wie viele davon wohl Wacker Innsbruck verschuldet hat? Vielleicht sollten wir irgendwann über Kilometergeld reden…

Über der Stahlstadt klarte schließlich der Himmel auf. Zwischen den Industrieschornsteinen hingen kleine Wölkchen wie süße Schäfchen – eine fast surreale Erscheinung inmitten einer industriegeschwängerten Landschaft. Noch ahnten wir nicht, dass an diesem Nachmittag auch auf dem Rasen einiges ziemlich surreal werden sollte.

Entgegen mancher Befürchtung war der schwarz-grüne Auswärtssektor richtig gut frequentiert. Und wir entdeckten sogar eine Überläuferin: Die Dame im Kiosk trug einen riesigen Wacker-Aufkleber auf der Brust. Oder war das bereits das neue Dienstshirt im Donaupark? Jedenfalls eine äußerst sympathische Erscheinung!

Völlige Veränderung

Weniger sympathisch war zunächst das Geschehen auf dem Rasen. Blau-Weiß überrollte unsere Mannschaft förmlich. Bereits in der ersten Minute musste Kirchmayr retten, in der fünften stand es 1:0 und nach 20 Minuten 2:0. Wacker war zu weit weg, verlor die Bälle viel zu schnell und fand kaum Zugriff. Als Ronivaldo auch noch die Stange traf, konnte einem Angst und Bange werden. Wacker hing buchstäblich in den Seilen. Mit dem 0:2 zur Pause waren wir noch gut bedient. Dann ging diese Mannschaft in die Kabine. 

Ich würde nur allzu gerne wissen, was unser Trainer- und Betreuerteam dort gemacht hat. Denn egal, was es war: Wacker kam völlig verändert zurück. Mutiger, aggressiver, entschlossener. Blau-Weiß blieb gefährlich, aber plötzlich wurden die Zweikämpfe gewonnen und Bälle nicht mehr einfach hergeschenkt. Noch deutete wenig auf das hin, was folgen sollte. Bis zur 73. Minute…

Lechl setzt sich durch, Rackl bringt den Ball zur Mitte, Guermouche steht goldrichtig – 2:1! Nur vier Minuten später kommt Gallés Hereingabe und Gstrein köpft zum 2:2 ein. Zwei Tore in vier Minuten. Aus einem beinahe entschiedenen Cupspiel war plötzlich wieder ein völlig offenes Duell geworden. Aus Hoffnung wurde Glaube. Und dieses Gefühl kroch durch den Gästesektor: Da geht noch was!

Die schwarz-grüne Kurve hatte ohnehin nie aufgehört, die Mannschaft anzutreiben und gab im Donaupark längst akustisch den Ton an. Später hallte es Richtung Hausherren: „Warum seid ihr so leise?“ Dem vermeintlichen Hexenkessel an der Donau war endgültig der Hahn zugedreht.

Rami macht den Hansi

Nur noch wenige Minuten. Die Cupschlacht an der Donau stand auf Messers Schneide. Verlängerung? Nach diesem Spielverlauf hätten wir die wohl alle genommen.

86. Minute. Ecke Wacker. Rami Tekir tritt an und während wohl jeder eine Hereingabe erwartet hatte, besitzt unser Kapitän die Coolness für einen Geniestreich. Der Ball dreht sich Richtung Tor, wird länger und länger, senkt sich über den Linzer Schlussmann – und schlägt im Kreuzeck ein. 2:3! Für einen Augenblick muss man erst begreifen, was gerade vorgefallen ist. Eine direkt verwandelte Ecke! Rami Tekir auf den Spuren des legendären Hansi Müller (1987 im UEFA-Cup-Viertelfinale gegen den AC Torino zum 2:0)!

Jetzt brachen im Gästesektor alle Dämme. Jubel, Umarmungen, völliger Wahnsinn. Vor einer Stunde hatten wir eine Abfuhr befürchtet, wenige Minuten zuvor wären wir mit einer Verlängerung glücklich gewesen – und jetzt führte der FC Wacker Innsbruck. So etwas kannst du nicht planen und du kannst das auch nicht kaufen. Das kannst du nur erleben.

Was danach kam, war nichts für schwache Nerven. Eigentlich bestand akute Infarktgefahr. Blau-Weiß warf alles nach vorn, während Wacker durch Guermouche sogar das 4:2 am Fuß hatte. Das hätte die Erlösung sein müssen. War es aber nicht. Also Weiterzittern. Jeder Linzer Angriff ließ den Puls steigen, jede Sekunde dauerte gefühlt eine Ewigkeit und diese verdammte Nachspielzeit wollte einfach nicht vergehen.

Dann endlich der Schlusspfiff. Aus. Vorbei. 0:2 hinten. 3:2 gewonnen. Totale Ekstase!

Manchmal reicht es, Wacker zu sein

Nein, Wacker war an diesem Nachmittag über 90 Minuten nicht die bessere Mannschaft. Vor allem in der ersten Hälfte war Blau-Weiß mindestens eine Nummer zu groß. Aber der Fußball fragt am Ende nicht danach. Manchmal gewinnt jene Mannschaft, die sich einfach weigert aufzugeben. Die fällt, wieder aufsteht und weiterkämpft. Und ganz unter uns: Es muss nicht immer der Bessere gewinnen. Hauptsache, der FC Wacker Innsbruck gewinnt.

Dieser Sieg gehört der Mannschaft, die nach einem 0:2 wieder aufgestanden ist. Dem Trainerteam, dessen Wechsel voll eingeschlagen haben. Und er gehört den Wacker-Fans im Donaupark, die auch in den schwierigsten Minuten nicht aufgehört haben, ihre Mannschaft anzutreiben. Vielleicht ist genau das Wacker Innsbruck. Wir haben oft genug am Boden gelegen. Wir wissen, wie sich Rückschläge anfühlen. Aber wir wissen inzwischen auch verdammt gut, wie man wieder aufsteht. Dass einige offensichtlich frustrierte Linzer nach dem Spiel am Parkplatz ihren Ärger ziemlich aggressiv nach außen tragen mussten, war eine Begleiterscheinung, auf die dieser großartige Fußballnachmittag gut hätte verzichten können. Emotionen gehören zum Fußball. Frust auch. Aber es gibt klare Grenzen.

Man fährt hunderte Kilometer für Wacker, steht im Stau und im Regen. Flucht, singt, hofft, leidet und zittert. Und manchmal fragt man sich tatsächlich, warum man sich das alles immer wieder antut? Und dann kommen diese zwölf komplett verrückten Minuten. Guermouche. Gstrein. Tekir. Minute 73., 77., 85. Zwölf Minuten schwarz-grüner Wahnsinn.

Und plötzlich kennst du die Antwort wieder.

Weil Fußball eben nicht nur 90 Minuten und ein Ergebnis auf einer Anzeigetafel ist. Es sind diese Augenblicke. Ein Ball, der sich von der Eckfahne ins Kreuzeck dreht. Menschen, die sich in den Armen liegen. Geschichten, über die man noch Jahre später sprechen wird: „Weißt du noch, damals in Linz …?“ Genau das macht diesen Sport aus. Vielleicht muss man Wacker tatsächlich leben, um Wacker zu begreifen. Leidenschaft schafft manchmal auch Leiden. An solchen Tagen aber schafft sie primär eines: Das ist UNSER FC Wacker Innsbruck. 

Auf der Heimfahrt kehrt langsam Ruhe ein. In einem urigen bayerischen Landgasthaus sitzt man schließlich zusammen und versucht, diesen Irrsinn von Linz zu verdauen. Der Puls normalisiert sich wieder, aber dieses Lebensgefühl bekommst du niemals los!

Fotos: Rudolf Tilg

Artikel Info

Autor: Rudolf Tilg
Veröffentlicht: 7. September 2026
Kategorie: Fanleben
Lesezeit: 6 Minuten

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