„Großkampftag“ in der Olympiaworld. 80er-Popstar Nena rockte die Olympiahalle, die Innsbrucker Haie bissen in der kleinen Eishalle und Wacker zauberte leider nur 45 Minuten im Tivoli – alles praktisch zur selben Zeit und innerhalb einer Fläche von fünf Fußballfeldern-ungefähren 34.000 Quadratmetern. Aber für uns regiert natürlich König Fußball. Und so entwickelte sich das Duell des FC Wacker Innsbruck gegen den ASK Voitsberg vor 3.556 Zuschauern zu einer typischen Zweitligapartie, die mit einem gerechten 1:1 endete.
Zehn Minuten ohne Nord
Wir erinnern uns an den wunderbaren Samstag vor einer Woche, als die Schwarz-Grünen im Linzer Donaupark erst in der zweiten Halbzeit so richtig zu spielen begannen. Am Freitag gegen Voitsberg machten es die Innsbrucker einfach umgekehrt. Nach einer richtig starken ersten Hälfte verabschiedeten sich die Hausherren nach 45 Minuten offenbar schon einmal gedanklich ins Wochenende. Verkehrte Welt am Tivoli. Doch bevor überhaupt über Fußball gesprochen werden konnte, fehlte zehn Minuten lang etwas ganz Entscheidendes: die Tivoli Nord.
Es war ein eigenartiges Bild. Man hörte die Tivoli Nord, aber man sah sie nicht. Die Nordtribüne blieb leer, während die aktive Fanszene gut vernehmbar von draußen supportete. Zehn Minuten Stimmungsboykott als Protest gegen die nach den Vorfällen in Vorarlberg ausgesprochenen Stadionverbote. Die Vorwürfe der Tivoli Nord wiegen schwer: Unter den Betroffenen sollen sich langjährige und bekannte Fans befinden, gegen die weder ein Straf- noch ein Verwaltungsverfahren anhängig ist. Kritisiert werden Identifizierungen anhand qualitativ schlechter Bilder, mögliche Personenverwechslungen und Entscheidungen auf Basis von Verdachtsmomenten. Dazu kommt die Frage, wie sich Betroffene gegen ein Stadionverbot überhaupt wirksam wehren können.
Konsequenzen ja – aber nachvollziehbar
Um eines gleich klarzustellen: Wer nachweislich Gewalt ausübt, Menschen verletzt oder Straftaten begeht, muss mit Konsequenzen rechnen! Fußball und Fankultur sind kein rechtsfreier Raum. Aber Sanktionen müssen nachvollziehbar, verhältnismäßig und auf überprüfbaren Tatsachen aufgebaut sein. Ein Stadionverbot darf nicht zu einer Art Ersatzjustiz werden, bei der ein Verdacht genügt. Und damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Sind das die Kurven, die ihr wollt? Möglichst ruhig, angepasst und bequem? Oder wollen wir jene bunten, kreativen, manchmal kantigen und vor allem leidenschaftlichen Fankurven, deren Bilder Vereine, Verbände, Fernsehen und Sponsoren nur allzu gerne verwenden, wenn sie Fußball emotional vermarkten?

Erste Hälfte hui, zweite Hälfte pfui
Kinder vom SOS Kinderdorf und der Lebenshilfe durften sich auf Freitagabend einen Traum erfüllen und mit den Mannschaften einlaufen. 3.556 Zuschauer sahen auf dem inzwischen ziemlich ramponierten Tivoli-Rasen zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten. Nach zehn Minuten strömte die aktive Fanszene geschlossen auf ihre Nord – und plötzlich war wieder alles da, was zum Tivoli gehört: Fahnen, Gesänge, Lautstärke und Leben, woraufhin sich auch die Wackerianer auf der Westtribüne haben mitreißen lassen. Nur vier Minuten später hämmerte Luis Gstrein den Ball zum 1:0 in die Maschen. Wacker war in Hälfte eins klar besser und hätte nachlegen müssen. Nach der Pause eine verkehrte Welt: Voitsberg wurde stärker, Radics traf die Stange und Neubauer erzielte in der 62. Minute den verdienten Ausgleich. Kurz vor Schluss rettete erneut Aluminium den Schwarz-Grünen das Remis. Erste Hälfte hui, zweite Hälfte pfui – 1:1, gerecht und trotzdem irgendwie ärgerlich. Ich habe keine Ahnung, wer zum „Mann des Spieles“ gekürt wurde. Schiedsrichter der Partie, Philipp Gadler war es mit Sicherheit nicht. Der zog sich (zurecht) den Unmut des Innsbrucker Publikums zu. Die Bewertung seiner Leistung durch den Schiedsrichterbeobachter wäre aber hochinteressant. Den Punkt nehmen und beim nächsten Auftritt zur Abwechslung bitte, zwei gute Spielhälften! Das wünschen wir uns alle.
Eine Kurve ist mehr als Stimmung
Choreografien, Fahnenmeere, Gesänge und Auswärtsfahrten entstehen nicht von selbst. Dahinter stecken unzählige Stunden Arbeit, Kreativität, Geld und vor allem Leidenschaft. Viele Gelegenheitsbesucher werden verständlicherweise stärker von Erfolgen, attraktiven Gegnern, Derbys oder besonderen Spielen angezogen. Die aktive Fanszene fährt auch nach einer Niederlage(nserie) quer durchs Land. Sie steht auch dort, wenn es regnet, der Gegner keinen großen Namen trägt und sportlich wenig zu feiern ist. Denn es geht um mehr: um Identität, Freundschaften, Farben, Verein und Stadt. Um das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.
Gerade Wacker Innsbruck müsste wissen, wie unbezahlbar das ist. Als 2022 weit in den Niederungen des Amateurfußballs neu begonnen werden musste, waren Bundesliga, große Gegner und die große Fußballbühne verschwunden. Die aktive Fanszene aber verschwand nicht. Sie folgte Wacker auf Tirols Sportplätze, machte so „manches“ (oder doch jedes) Auswärtsspiel zum Heimspiel und trug Schwarz-Grün durch die Tiroler Liga, die Regionalligen und schließlich zurück in den Profifußball. Damit bewahrte sie etwas, das nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch rasant verloren gehen kann und mit keinem Geld der Welt einfach zurückzukaufen ist: Identität.
Leidenschaft, die bares Geld wert ist
Und diese Leidenschaft besitzt auch einen beträchtlichen wirtschaftlichen Wert. Eine lebendige Kurve macht aus einem Fußballspiel ein Erlebnis. Choreografien werden fotografiert, Videos und Bilder vielfach geteilt und Gesänge übertragen. Die Kurven liefern jene Emotionen, mit denen der Fußball anschließend vermarktet wird. Atmosphäre bringt zusätzliche Zuschauer, Eintrittskarten, Getränke und Fanartikel werden verkauft, Sponsoren profitieren von Aufmerksamkeit und Reichweite. Aktive Fans schaffen damit Woche für Woche einen Teil jenes Produktes, von dem wirtschaftlich viele profitieren – ohne dafür auch nur einen Cent zu bekommen.
Leidenschaft ist kein Freibrief
Natürlich sind Fanszenen nicht unfehlbar. Leidenschaft rechtfertigt weder Gewalt noch Straftaten. Aber einzelne Verfehlungen rechtfertigen genauso wenig, ganze Kurven unter Generalverdacht zu stellen. Wer lebendige Fanszenen will, muss auch akzeptieren, dass sie kritisch, eigenständig und manchmal unbequem sind. Genau das unterscheidet Fankultur schließlich von gekaufter Stadionanimation.
Die Farben bleiben
Spieler wechseln, Trainer kommen und gehen. Präsidenten und Funktionäre ebenso. Ligen ändern sich, Siege werden gefeiert und Niederlagen irgendwann vergessen. Die Farben bleiben. Und meistens bleiben auch jene, die ihren Verein nicht nur besuchen, sondern ihn leben.
Zehn Minuten lang blieb die Tivoli Nord leer. Man hörte sie draußen, aber drinnen fehlte etwas. Vielleicht haben gerade diese zehn Minuten eindrucksvoller als jede Choreografie gezeigt, welchen emotionalen und wirtschaftlichen Wert eine lebendige Fankurve tatsächlich besitzt. Denn manchmal erkennt man erst, wie wertvoll etwas ist, wenn es plötzlich nicht mehr da ist.
Und wie klein die schwarz-grüne Fußballwelt manchmal ist, zeigte sich wieder einmal auf dem Heimweg. In einem Restaurant in Vomp trafen wir beinahe die halbe Security-Crew vom Tivoli – und dazu noch drei Schwarz-Grüne auf ihrem Heimweg nach Seekirchen am Wallersee. Ein ganz normaler Freitagabend mit Wacker eben. Die einen arbeiten für dieses Spiel, die anderen fahren ihrem Verein hunderte Kilometer hinterher – und irgendwann trifft man sich irgendwo wieder.
Wir sind eben eine große schwarz-grüne Familie. Und einer aus dieser Familie wird für immer fehlen. Hans Mair: Ehemaliger Spieler, Funktionär bis zur letzten Minute und langjährige gute Seele des SC Schwaz. Im Herzen war Hans neben Blau-Weiß, dem Bayern-Rot auch ein Schwarz-Grüner und ein guter Freund. Hans, Ruhe in Frieden!
Fotos: Rudolf Tilg
