Manchmal zeigt der Fußball, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Wenn 16.071 Menschen gemeinsam hoffen, schreien, leiden und eine Mannschaft nach 120 Minuten auf den letzten Metern noch einmal nach vorn treiben. Wenn Spieler längst auf dem Zahnfleisch gehen und von den Rängen trotzdem noch diese eine Botschaft kommt: Wir stehen hinter euch. Alle z’ammen stehen wir. Das ist bei Wacker nicht nur eine Zeile in einem Lied. Es ist ein Gefühl, das weit über 90 oder – wie diesmal – 120 Minuten hinausgeht.
Der Hexenkessel ist zurück
Vor zwölf Tagen war die Salzburger Austria im Glück. Am Samstag die Admira. Und im Cupschlager gegen die WSG hatten die Gäste wohl nicht nur ein Glücksvogerl, sondern gleich einen ganzen Schwarm Kraniche mit. Mir kann niemand vorwerfen, über die Tiroler Derbys nicht fair berichtet zu haben. Und das mache ich diesmal nicht anders: Die Glücklicheren sind eine Runde weiter. Gratulation nach Wattens.
13 Kilometer sind es vom Tivoli nach Wattens. Und die Grün-Weißen werden sich am Heimweg wohl jeden verdammten Kilometer gefragt haben, wie sie dieses Spiel eigentlich gewinnen konnten. Und jeden halben Kilometer dürfte eine zweite Frage aufgetaucht sein: Was war das denn bitte? Was kann dieses ungeliebte Tivoli?

Mit den Wacker-Fans kann es verdammt viel! Nicht umsonst hat das Tivoli einen legendären Ruf. 16.071 Zuschauer, die Tivoli Nord in Hochform und ein Stadion, das wieder einmal gezeigt hat, was in ihm steckt. Das hat nicht nur an die guten alten Zeiten erinnert – das war für 120 Minuten eine dieser ganz besonderen Nächte. Laut, leidenschaftlich, schwarz-grün. Ein richtiger Hexenkessel. Und dank der Liveübertragung konnte ganz Österreich sehen und vor allem hören, was am Tivoli möglich ist.
Dabei begann es denkbar schlecht. Balic köpfte die WSG bereits nach fünf Minuten in Führung. Anfangs war das höhere Tempo des Bundesligisten spürbar, doch Wacker kämpfte sich regelrecht in die Partie. Köchl eroberte den Ball, Lechl zog davon, Sy ließ durch und Gstrein hämmerte die Kugel ins Kreuzeck. 1:1 – das Tivoli explodierte zum ersten Mal.
Wer war hier der Erstligist?
Spätestens nach der Pause war vom Klassenunterschied kaum mehr etwas zu sehen. Wacker spielte nicht nur mit, sondern übernahm phasenweise das Kommando. Lechl, Owusu und Yilmaz hatten Möglichkeiten, auf der anderen Seite hielt ein überragender Juri Kirchmayr die Schwarz-Grünen im Spiel.
Es ging in die Verlängerung. Wieder schlug die WSG zu. Kirchmayr hielt zunächst gegen Goiginger, Sabitzer staubte in der 110. Minute zum 1:2 ab. Nach 110 Minuten gegen einen Bundesligisten kann es das gewesen sein. War es aber nicht. Diese Mannschaft gab sich nicht auf – und dieses Publikum ließ sie nicht aufgeben. Weinzierl flankte, Biancheri köpfte, 2:2. Was danach im Tivoli los war, lässt sich schwer beschreiben. So einen intensiven Torjubel habe ich dort schon lange nicht mehr erlebt.

Das Glücksvogerl fliegt nach Wattens
Also Elfmeterschießen. Und dort wurde es endgültig verrückt. Kirchmayr hielt gleich drei Elfmeter und plötzlich hatte Owusu sogar den Viertelfinaleinzug auf dem Fuß. Lattenkreuz! Wenige Zentimeter zwischen Sensation und bitterem Ende. Schließlich hielt Hamzic gegen Weinzierl – vorbei. Die WSG im Viertelfinale, Wacker draußen.
Natürlich tut das weh. Vor allem weil an diesem Abend ein Bundesligist zu schlagen gewesen wäre. Aber es gibt Niederlagen, nach denen man kleiner nach Hause geht. Und es gibt solche, nach denen man verdammt stolz auf seine Mannschaft sein kann. Das war eine davon. Wenn diese junge Truppe diesen Kampf, diesen Mut und diese Leidenschaft in die Meisterschaft mitnimmt, mache ich mir um die nächsten Wochen wenig Sorgen.
32.200 sind ein Ausrufezeichen
Und dann sind da noch 32.200 Zuschauer bei zwei Spielen innerhalb von zwölf Tagen. Zweimal ein praktisch volles Tivoli. Ein Ausrufezeichen für Wacker Innsbruck und den Tiroler Fußball – und gleichzeitig eine enorme Herausforderung für jene, die dieses Stadion am Laufen halten.
Die Olympiaworld hat mir dazu geschildert, welcher Aufwand hinter solchen Spielen steckt. Stadionbetrieb, Veranstalter, Sicherheits- und Ordnerdienste, Reinigung, Kontrollen und Vorbereitung greifen ineinander. Viele dieser Menschen sieht man kaum – ihre Arbeit bemerkt man meistens erst, wenn etwas nicht funktioniert. Deshalb gehört auch ihnen einmal ein herzliches Danke gesagt!
Das Tivoli ist inzwischen rund 26 Jahre alt. Flutlicht, Säulen, Rasen, Dach und Photovoltaik wurden bzw. werden erneuert, jährlich fließen laut Olympiaworld je nach Projekt zwischen 300.000 und einer Million Euro in die Anlage, 2027 kommt unter anderem eine zweite Videowall. Gut so. Denn dieses Stadion braucht Pflege. Was es aber vor allem braucht, sind Menschen, die ihm Leben einhauchen.

Alle z´ammen stehen wir
Genau dort schließt sich für mich der Kreis. Denn die Tivoli Nord zeigt auch heuer wieder, dass Solidarität nicht beim Abpfiff endet. Mit „Alle z’ammen stehen wir!“ startet rund um die letzten Heimspiele vor der Winterpause wieder die inzwischentraditionelle Spendenaktion. Pfandbecher können in die gekennzeichneten Einkaufswägen geworfen werden, zusätzlich stehen an den Eingängen Spendenboxen bereit.
Vielleicht ist genau das Wacker. Auf dem Platz füreinander kämpfen, auf den Rängen füreinander singen – und draußen jene nicht vergessen, denen es nicht so gut geht.
Die WSG nimmt den Viertelfinaleinzug mit nach Wattens. Das Glücksvogerl flog diesmal Richtung Unterland. Aber dieses Bild bleibt: Eine junge Mannschaft steht nach 120 Minuten und verlorenem Elfmeterschießen völlig ausgepumpt vor der Tivoli Nord – und wird von Tausenden gefeiert.
Ein Spiel kann man verlieren. Zusammenhalt nicht!
ALLE Z’AMMEN STEHEN WIR – WACKER EIN LEBEN LANG ZU DIR!
Artikelbild: GEPA pictures/Daniel Schönherr
Fotos: Rudolf Tilg
