b_350_1200_16777215_00_images_201920_Haxn_sta_cup4.jpgDer Cup hat nicht den besten Ruf. Und nicht die allerhöchste Wertigkeit für Spieler, Vereine und Fans. Liga zu Pokal sei in etwa so wie reelles Leben zu virtual reality. Nett, aber... eben nicht echt. Blödsinn. Oder Hoax, wenn Sie wollen. Der Cup ist der wahre, echte Fußball. Auch wenn der Gegner mal St. Pölten heißt und einen Charme versprüht wie ein Tiefkühl-Fleischkas-Semmel. Und trotzdem ist St. Pölten sympathisch – wegen einer einzigen Person.

 

My head is somewhere in between

Die virtuelle Welt ist nicht zu verachten. Klar, nichts kommt an das echte Fußball-Erlebnis dran. An den Roar, der über die Tribüne fegt, wenn das erlösende Tor fällt. An den Zusammenhalt im stillen Dastehen, wenn man eine böse Niederlage einfährt. An die Gemeinschaft, wenn man zum Stadion kommt, auswärts in Bus und Zug oder auch daheim, am Tivoli. Aber es gibt auch die virtuelle Fanwelt. Und die kann manchmal richtig unterhaltend sein, spannender als das echte Leben. St. Pölten ist da das beste Beispiel. Naja, nicht der SKN selbst, einer seiner Fans. Naja, der Fan. Eine Tastatur, ein Smartphone, keine Vokale – stndrd rockt die virtuelle Welt. Macht einen emotionsterilisierenden Club zu einem sympathischen Verein. Wie soll man ihn beschreiben, wenn man ihn ja eigentlich gar nicht kennt? Stndrd ist sowas wie wacker4ever. Aber halt anders. Wie der eine durch und durch schwarz-grün ist und Wacker Innsbruck intensiv lebt, ist der andere blau-gelb-rot bis auf die Unterhose. Und doch irgendwie anders. Beide machen ihr Forum zu ihrem Forum, als schreibfaul sind sie nicht gerade zu bezeichnen. Aber trotzdem, ein anderer Typus. Wacker4ever kennt man auch im realen Leben, ohne ihn zu kennen. Man ist auf der Nord und weiß, wer er ist. Man ist auf Vereinsabenden und weiß, wer er ist. In Innsbruck ist er auch im realen Leben zu finden. Stndrd – nicht so. Nicht, dass er nicht im Stadion ist, oder auch mal auswärts fährt. Aber selbst im Stadion, bei den überschaubaren niederösterreichischen Fanmassen, war stndrd unbekannt. Und man wollte wissen, wer denn dieser Forumsheld ist, im realen Leben. Nebenbei, nicht Held im blau-gelb-roten Forum, sondern im rosaroten. Dem des Standard Online, der Spielwiese von Trollen und Gadsen, von heißen politischen Diskussionen und Pointensuchern. Dort herauszustechen, ohne anzuecken, dort eine überwiegend grün-weiße Community dazu zu bringen, Pölten viel Glück zu wünschen, zeigt entweder eine demagogisch-geniale Ader. Oder einfach ein grundsympathisches Wesen in den Postings.

The sun won’t melt our wings tonight

Stndrd wohnte nicht einmal in St. Pölten, als er 2000 dem Forum beitrat. Er brauchte neun Jahre, um sein erstes Posting abzusetzen. Übersiedelte drei Jahre später von Wien in die tiefe niederösterreichische Provinz, die dortige Landeshauptstadt. Und verlor sein Herz an einen Verein, dessen große Zeit vorbei, dessen Heimat Voithplatz eine verlassene Gstettn war. Und weil nicht nur das Stadion nur mäßig besucht war, sondern auch das Zweitliga-Forum unter den Artikeln des Standard, weil ein SKN-Fan dort auffiel wie ein lila Elefant unter weißen Mäusen, und weil seine Postings nie verletztend, immer grundsympathisch waren, fiel er auf. So sehr, dass sich auch die Wolfbrigade04, die eingefleischtesten aller SKN-Fans, fragten, wer denn dieser stndrd sei. Mangels akustischer Konkurrenz in der NV-Arena im November 2016, mitten im Spiel gegen den WAC, schallte plötzlich „stndrd, wink amoi“ durchs Stadion, gepaart mit einem etwas überhastet gestalteten Plakat-Aufruf. Das Spiel ging verloren, man konnte die Liga trotzdem halten. Stndrd blieb der Bundesliga erhalten. Mit ihm der SKN. Und so kann er Pläne für die Zukunft schmieden, vom Cupsieg träumen (zur Info, wenn sie tippen wollen: St. Pölten schlägt Innsbruck, Lustenau die WSG, Amstetten wirft die Salzburger raus und scheitert dann im NÖ-Derby, im Finale unterliegen die Lustenau, stndrd jubelt.), Käseleberkäse bestellen und sich mit Senf bekleckern – und natürlich das Standard-Forum erhellen. Und auf Imgur Fotos des abendlichen Getränkeverzehrs posten. Und das ASB-Forum unsicher machen. Und auf abseits.at zitiert werden. Und noch mehr User im real life treffen – virtuell ist halt doch nicht alles. Gut nur, dass stndrd postet (bereits im sechsstelligen Bereich auf derstandard.at allein) und nicht kickt. Man könnte ihn einfach nicht tackeln und würde nach einem kurzen, freundlichen Smalltalk Ball und Weg freigeben.

Give me half a chance

So sind die St. Pöltner auf sich selbst angewiesen. Und da läuft es nicht ganz so gut wie im Herbst vor einem Jahr. In der Liga konnte man sich mit einem Sieg gegen die Wattener Senioren-Gruppe an den Grün-Weißen vorbeistehlen und damit schon ganze drei Siege in 18 Partien feiern. Dem stehen aber sieben Spieltage gegenüber, an denen man mit drei oder mehr Toren Unterschied vom Platz gefegt wurde, gegen Salzburg und Altach sogar 6:0. Die Vorarlberger, eigentlich direkter Konkurrent um den Klassenerhalt, legten in der letzten Runde vor Weihnachten gleich noch ein 3:0 nach, auch gegen Hartberg wurde zweimal verloren. Da bleibt derzeit nur der Pokal für Träume übrig. Obwohl auch hier jedes einzelne Spiel mit nur einem einzigen Tor Vorsprung gewonnen werden konnte, ob der Gegner nun Ried hieß, Mattersburg oder Gloggnitz. St. Pölten hat einen Über-Poster, aber keine Über-Kicker - auch wenn man nach der Transfersperre nun sechs bis sieben neue Spieler geholt hat (ein Stürmer soll noch heute unterschreiben). Und Wacker reicht manchmal eine einzige Chance für eine Sensation als absoluter Underdog. Fragen Sie den WAC. Der Cup rockt. Selbst wenn es Österreich nicht wahrhaben will. Der Cup ist the real thing. Nein, even better than the real thing.

Bild: © stndrd

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Stefan Weis Stefan Weis

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