b_350_1200_16777215_00_images_201617_haxn_sta30.jpgEr ist vakant, der Sitz. Seit Monaten wird er von mehr als nur einem beansprucht. Dabei gibt es ihn noch gar nicht so lange, erst seit den 60ern wird ernsthaft darüber gestritten – wobei, gestritten, es war meist klar, wer ihn inne hat. Ihn, den ersten, den vordersten Sitz in Tirol. Zunächst war es Paulus Rusch, der „Rote“, dann Reinhold Stecher mit seinem unvergleichlichen Humor, dann… Ach, Sie interessieren sich nicht für die Bischofsernennung in Tirol? Na, dann schauen wir mal, wer der Primas Tirols am grünen Rasen wird, Wacker oder doch die Werksportgemeinschaft.
 
De titulares et titulis

Die Nummer eins wird also gesucht im Land. So einige werden diesen Titel beanspruchen. Etwa den des Ältesten. Ginge es um den Bischofssitz, Aguntum hätte wohl die Nase vorne, wohl noch vor Säben. Beide sind in dieser Weise nicht mehr existent. Aus Aguntum wurde eine Ausgrabung vor den Toren von Lienz, Säben musste seine Vorrangstellung zu Gunsten von Brixen aufgeben. Doch immerhin gibt es noch einen Titularbischof von Aguntum, Romuald Kaminski, der in Polen diesen Titel weiterführt. In Tirol darf sich wohl Meran rühmen, Heimat des Fußballsports zu sein, im Norden folgte 1903 die Riege des Innsbrucker Turnverein, aus welcher sich Fußball Innsbruck entwickelte, der heutige SVI. Wacker Innsbruck gibt es als Name ab 1914, Wattens als SC ab 1930. Vorteil Innsbruck. Und wenn wir schon von den Titeln gesprochen haben: so einige haben sich im Laufe der Jahre an die Sill verirrt, etwa zehn österreichische Meistertitel. Ja, ich höre schon den Aufschrei aus Wattens, der seit ein, zwei Jahren dabei aufkommt: „Das sind ja auch unsere Titel!“. Zum Teil, völlig richtig, und das darf niemals unerwähnt bleiben, wenn auch der erste nationale Titel im Pokal (1970) und die erste Meisterschaft (1971) in Konkurrenz mit den Wattenern gewonnen wurden. Die Spielgemeinschaft errang zwischen 1971 und 1979 vier Meistertitel und vier Cupsiege, die man sich brüderlich mit Wattens zu teilen hat. Wie auch die Mitropacupsiege 1975 und 1976 oder das UEFA-Cup-Semifinale zu einem Bruchteil, da die Bewerbsqualifikation noch als SPG erfolgte. Gut. Die restlichen sechs Meister- und drei Pokalgewinne aber sind ausschließlich Werk der Innsbrucker. Ebenso wie der Cupsieg der Damen von 1985 und die Erfolge im Intertoto-Cup. Das war Innsbruck, nicht Wattens. Geht’s um Titel und Geschichte – Vorteil Wacker.
 
Primas Germaniae

Aber Geschichte spielt nicht Fußball. Gott sei Dank. Und Fußball ist zwar Religion, aber nicht Kirche – denn sonst gäbe es kein Vorbeikommen an den Salzburgern. Den Primas Germaniae, den Hervorragendsten unter den deutschen Bischöfen, die den westösterreichischen Brüdern vorstehen. Die Safterlfabrik aus der Mozartstadt gibt zwar Österreichweit gerade den Primgeiger, deren violette Halbbrüder aber mühen sich erfolglos gegen die zweite Mannschaft des FCW. Ebenso erfolglos, wie die vermeintlichen Profis in Schwarz-Grün gegen den Aufsteiger aus dem Unterland. Dreimal gab es heuer das Derby, ebenso oft unterlag Wacker. Wattens gewann gegen ein 4-2-3-1 von Maurizio Jacobacci und schoss das erste Tor. Die WSG siegte gegen das 4-2-3-1 von Thomas Grumser und schoss das erste Tor. Die Grün-Weißen bogen auch das 4-1-4-1 von Karl Daxbacher und schossen das erste Tor. 16mal gelang es den Wattenern diese Saison bereits, das erste Tor des Spiels zu erzielen, neunmal ging man dabei als Sieger vom Platz. Geriet man allerdings in Rückstand, wurde kein einziger Dreipunkter eingefahren. Wacker kennt das Gefühl aber nicht nur aus den Derbys. 17 Spiele begannen ihren Torreigen mit einem 0:1 für den Gegner, gut die Hälfte brachten dennoch noch Punkte für den FCW. Sind auch die Innsbrucker die besseren Comeback-Kings, so darf sich Wattens Primas Austriae nennen. Würden nur die Tore der nationalen Torschützen gezählt, die WSG läge nur sieben Punkte hinter dem LASK an dritter Stelle. Am zweiten Platz – Wr. Neustadt, das keinen einzigen Legionär in seinen Reihen hat. Innsbruck hat deren drei, und einer davon, Patrick Eler, ist die personifizierte Torgarantie, die Schwarz-Grün in dieser Rangliste abrutschen lässt. Geht’s um direkte Duelle und rot-weiß-rote Treffer – Vorteil Wattens.
 
Primus inter pares

Im Ligaalltag, da sind es aber derzeit beinahe Gleiche unter Gleichen. Auch wenn es, wie immer, etwas Gleichere gibt. In der Tabelle etwa, da hat Innsbruck einen Punkt mehr, einen Sieg mehr, ein Tor mehr. Nicht viel, aber immerhin. Und hätte man die Derbys gewonnen, man läge auf Rang zwei der Tabelle und Wattens auf einem Abstiegsrang. Doch der Konjunktiv ist der Feind des Erfolges, und ein solcher fehlt den Innsbruckern im direkten Duell. Trotz höherem Ballbesitz in den drei Begegnungen (51,5% / 63,5% / 57,6%), trotz besserer Passquote (+5,7% / +14,5% / +8,5%), trotz besserer Zweikampfquote (59,7% / 58,9% / 51,4%), trotz mehr Schüssen aufs Tor (13 zu 7). Aber wegen mangelnder Effizienz vor dem Tor (Schussgenauigkeit -8,3% / -13,1% / -8,5%), vielleicht auch mangelnder Härte oder taktischem Kalkül zum richtigen Zeitpunkt (41 zu 51 Fouls), mangelndem Drang nach vorne im Passspiel (zwei von drei Spielern mit den meisten Ballberührungen waren in jedem Spiel defensive Kräfte der Innsbrucker). Jetzt treffen zwei Teams aufeinander, die in den letzten vier bzw. fünf Spielen nicht verloren haben, die aber beide dabei nur zweimal gewinnen konnten. Für Innsbruck ist ein Remis nichts außergewöhnliches, bereits 9mal teilte man die Punkte, zweimal unter Karl Daxbacher, der dieses Gefühl in seinen letzten 36 Spielen als Trainer nur ein weiteres Mal erleben musste. Es spielen in Wattens zwei Teams, die in den letzten fünf Spielen zehn bzw. dreizehn Tore erzielt haben, dabei aber acht bzw. sechs Tore kassierten. Und dennoch ist die WSG der Verein, der bereits 10mal zu Null spielen konnte und damit einen Spitzenwert in der Liga einnimmt. Welche Statistik man auch immer herauskramt, klaren Sieger gibt es keinen.
 
In perpetuum et aeternum

Der Herausragende unter den Tirolern wird also auch nicht im nächsten Match geklärt werden, vielleicht auch gar nicht am Ende der Saison. Zu knapp liegen die beiden Teams beieinander, nie konnte sich ein Team absetzen. 17 Runden lag Innsbruck vor Wattens, 12mal die WSG vor Wacker. Was auch immer nach 36 Runden dasteht, es ist wohl recht belanglos. Denn wirklich von Bedeutung ist der Tabellenstand am Ende der kommenden Saison. Und: die Nummer eins wird immer Wacker Innsbruck heißen, für immer und in Ewigkeit. Egal, was Tabellen abbilden, Derbys aufzeigen und Medien herbeischreiben.

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Stefan Weis Stefan Weis

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